Kleine Welt mit Lerneffekt

Trierischer Volksfreund vom 01.08.2004 - Von unserem Mitarbeiter HERMANN PÜTZ

KONZ. Jeden Morgen reiht sich die elfjährige Lisa Zimmermann in die lange Schlange vor dem Arbeitsamt ein. Mit ihr hoffen täglich 66 Kinder zwischen sieben und 13 Jahren - die gesamte Einwohnerschaft von "Wuselkusen" - auf einen Job.
 
Lisa hat sich an das Warten inzwischen gewöhnt. Schließlich lohnt es sich, denn eine Arbeitsstelle gibt es immer - zumindest in der Spielstadt. Und für jeden. "Ich würde gerne auf der Bank arbeiten", sagt Lisa. Auch eine Stelle als Bedienung in der Eisdiele wäre in Ordnung. "Da arbeitet meine Freundin heute auch." Heute? Jeden Tag, erklärt die Elfjährige, müsse man einen anderen Beruf wählen. "So lauten die Regeln."

"Wuselkusen", eine Stadt mit 66 Einwohnern im Kindesalter, das mutet zunächst etwas seltsam an. Da überrascht es nicht, dass die "Wuselkusener" sogar eine eigene Währung haben - den "Wusel". Und einen Radiosender, eine Fernsehanstalt, eine Zeitung, einen Freizeitpark. Kurz: alles, was man zum Leben eben braucht.
Spielstadt in Konz: Viel zu tun gibt es
auf der Stadtverwaltung, schließlich ist Bürgermeisterwahl. Anna Fickert und
Maximilian Otte (links) im Gespräch
mit Lisa Zimmermann, Steffi Müller
und Raphael Greif (rechts), "Mitar-
beiter" der Behörde. Gleich nebenan befindet sich das Arbeitsamt.
Foto: Hermann Pütz
   
 "Heute ist Bürgermeisterwahl", erklärt Lisa Zimmermann, die im vergangenen Jahr das Amt inne hatte. 
 
Einblick ins Wirtschaftsleben
 
Zum zweiten Mal veranstaltet das Konzer Haus der Jugend (HdJ) im Rahmen seines Ferienprogrammes die Kinderspielstadt "Wuselkusen". Eine Woche lang haben Mädchen und Jungen im Alter zwischen sieben und 13 Jahren rund ums HdJ die Möglichkeit, sich spielerisch einen Einblick in die Gesellschaft und das Wirtschaftsleben zu verschaffen. In vereinfachter Weise lernen sie dabei die Arbeitswelt, demokratische Prozesse und die Knappheit der Güter kennen. "Wichtig ist, dass die Kinder selbst Verantwortung für ihre Stadt übernehmen und politisch aktiv werden", erklärt Dietmar Grundheber, Jugendpfleger der Verbandsgemeinde Konz und Leiter des HdJ. Und das funktioniere erstaunlicherweise. Manche seien so sehr bei der Sache, dass die Grenzen zwischen Spiel und Realität zu verschwimmen scheinen.
 
Nicht nur Spaß, vor allem der erhoffte Lerneffekt stehe im Mittelpunkt. "Und der setzt ein", weiß Grundheber aufgrund der Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr zu berichten. Das bestätigt auch Lisa Zimmermann. "Lust auf Arbeit habe ich nicht immer", gibt die Elfjährige zu. "Doch ohne Arbeit hat man kein Geld und ohne Geld kann man sich eben nichts leisten."
 
Die Spielstadt "Wuselkusen" hat für Dietmar Grundheber noch aus einem anderen Grund Bedeutung. "Seit der Pisa-Studie ist in Deutschland das Thema Bildung in aller Munde." Dabei habe sich gezeigt, dass hauptsächlich die Schule als Lernort gesehen werde. "Das Problem ist, dass in dieser Diskussion die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit kaum Beachtung findet." Schätzungsweise rund 70 Prozent des Wissens werde jedoch außerhalb der Schule vermittelt, so Grundheber. Zudem werde mit dem Begriff "Bildung" in der Regel lediglich die Vermittlung von Wissen und Informationen verbunden.
 
"Wissen erlangen ist die eine Sache, damit umgehen zu können, eine andere", sagt Grundheber. Daher sei wichtig, jungen Leuten wesentlich weit reichendere Fähigkeiten, wie die Entwicklung von Selbstbewusstsein, Umgang mit Gefühlen, Urteilsvermögen und schließlich auch die Anwendung von Wissen zu vermitteln. Hinzu kämen das Erlangen sozialer Kompetenzen: Ausdrucks- und Teamfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft und Solidarität, also das Interesse und Engagement für die Belange der anderen.
 
Wissensdurst liege in der Natur von Kindern. "Die Kleinen möchten die Welt entdecken und haben viele Fragen - oftmals zu viele in unserer schnelllebigen Zeit", weiß der Pädagoge. In der Freizeit und gerade in den Sommerferien liege die Schule für die meisten in weiter Ferne. Und genau hier setze Kinder- und Jugendarbeit an. "Das Zauberwort in diesem Zusammenhang heißt Spielen."
 
Spielend lernen ist auch das Ziel der Kinderspielstadt "Wuselkusen". In einem vereinfachten Abbild der Wirklichkeit erleben Kinder, wie das System "Stadt" funktioniert. Dabei übernehmen sie in allen Bereichen selbst die Verantwortung für ihre kleine Welt. Es gibt eine Stadtverwaltung mit Bürgeramt, Einwohnermeldeamt und Gewerbeamt, an deren Spitze der Kinderbürgermeister steht. Schließlich gibt es auch ein Arbeitsamt - mitunter wird auch die neue Bezeichnung "Agentur für Arbeit" gebraucht. Deren Mitarbeiter - natürlich Kinder - vermitteln den 66 "Wuselkusenern" täglich neue Jobs in den verschiedenen Betrieben, wie Töpferwerkstatt, Schneiderei, Gärtnerei und Schmuckwerkstatt. Geld muss schließlich verdient werden, damit man leben kann. Natürlich gibt es auch eine Bank, auf der man die hart verdienten "Wusel", die stadteigene Währung, einzahlen kann. Hier zu arbeiten, wünscht sich Lisa Zimmermann. Doch oft kommt es anders, als man sich vorstellt. Lisa bekommt an diesem Tag einen Job in der Stadtverwaltung. Und da gibt es mächtig was zu tun, schließlich ist Bürgermeisterwahl. "Morgen ist auch noch ein Tag und vielleicht klappt's ja dann mit der Bank", sagt sie. "Die Eisdiele wäre aber auch okay. Man nimmt eben, was man bekommt."