Wo das Eis einen Wusel kostet
 Trierischer Volksfreund vom 01.08.2012
 
 
Spielen, leben, arbeiten: 115 Kinder sind bis Samstag in der Spielstadt Wuselkusen. Sie haben eine eigene Währung, Jobs und Freizeitangebote. Unter Aufsicht des Jugendnetzwerks Konz lernen sie, damit umzugehen.
 

Konz. Moritz Hüfner (8) und Johanna Kürwitz (9) haben in der Spielstadt Wuselkusen einen der härtesten Jobs erwischt. Sie arbeiten in der Eisdiele - ein Geschäft, in dem die Nachfrage richtig groß ist. Das bestätigt Helena Belzl (8). Sie hatte sich am Montag, Tag eins in Wuselkusen, bei der Arbeitsagentur für die Position als Eisverkäuferin entschieden. Ihr Fazit: "Das war ein bisschen anstrengend, weil so viele Leute kamen."
Am zweiten Tag der Kinderkommune seien die Bewohner noch ein "bisschen geizig", sagt Dietmar Grundheber, Geschäftsführer des Jugendnetzwerks Konz (Junetko). Für einen Führerschein fürs Tretauto wolle zum Beispiel bisher noch niemand einen Wusel ausgeben. Wusel heißt die eigene Währung in der Spielstadt.

Schreinerei zahlt Kredit ab

Ein viereinhalbstündiger Arbeitstag - egal ob als Schreiner oder als Zeitungsreporter - bringt den Kindern 28 Wusel ein. Ein Eis kostet einen Wusel. In Wuselkusen lernen die Kinder sparen und haushalten. "Wir sind ja marktorientiert. Wenn es nicht läuft, müssen die Geschäftsleute auch Werbung machen", sagt Grundheber über das Praxisprinzip der Spielstadt.

So lernen die Kinder spielerisch, wie das Wirtschaftsleben funktioniert. Sie lernen aber auch Dinge kennen, für die sie sich interessieren. Zum Beispiel Timo Schneider: Der Elfjährige arbeitet den zweiten Tag in Folge in der Schreinerei - am dritten Tag muss er sich einen neuen Job suchen. "Es macht Spaß, mit Holz zu hantieren und zu hämmern", erzählt er. "Wir bekommen viele Aufträge und haben schon Kassen für die Bank und den Freizeitpark gebaut."

Die Einnahmen werden in der Betriebskasse gehortet und in neue Werkzeuge investiert. Mit den ersten Wuseln haben die Schreiner schon ihren Kredit bei der Bank abgezahlt - den hatten sie aufgenommen, um sich Werkzeug im Einkaufszentrum leisten zu können. Ähnlich läuft es bei den anderen Geschäften und Handwerkern ab - im Kreativatelier, bei den Kerzenmachern oder im Malatelier. Das Leben in Wuselkusen ist eben wie das echte Leben. Da darf auch die Politik nicht fehlen. "Ich möchte meine Ideen in Wuselkusen einbringen und den Leuten neue Dinge ermöglichen", sagt zum Beispiel Annabelle Müller (11). Sie will Bürgermeisterin in der Spielstadt werden. Am Dienstag war Wahlkampf. Heute wählen die Kinder. Von Politikverdrossenheit gibt's in Wuselkusen keine Spur - mehr als 20 Kandidaten wollen sich zum Bürgermeister wählen lassen.

Annabelle hat sich gut vorbereitet, sie hat Flyer und Plakate ausgedruckt. Ihre Forderungen: einen Nachschlag in der Kantine und als Ersatz für das geschlossene Konzer Freibad ein Tag, an dem der Eintrittspreis zum Wuselkusener Freizeitpark um zwei Wusel günstiger wird. Ob das ausreicht, um das Rennen zur Bürgermeisterin zu machen, entscheidet sich bei den heutigen Wahlen. Wie die Wahl ausgeht, hören die Wuselkusener dann im Wusel-Radio, sehen es im Wusel-Fernsehsender oder lesen es in der Wuseler Stadtzeitung.

Alle Nicht-Wuseler dürfen sich die Nachrichten aus Wuselkusen im Internet unter
www.wuselkusen.de ansehen. Die erste Sendung ist schon online.

 

 
 Bei der Wuselkusener Arbeits-
agentur entscheidet sich, wo die
Kinder den Tag verbringen (oben
Mitte). Timo Schneider arbeitet in
der Schreinerei (links), Bürger-meisterinKandidatin Annabelle
Müller (rechts oben) in der Trick-
filmwerkstatt. Es gibt aber auch
Jobs als Kameramann (Julius
Gerlach, rechts unten). Sehr be-
liebt ist eine Stelle in der Eisdiele,
wo Johanna Kürwitz und Moritz
Hüfner Wassereis in den Kühl-
schrank legen (unten Mitte).
TV-Fotos (5): Christian Kremer
 
Extra
Pädagogisch betreute Kinderspielstädte gibt es inzwischen in ganz Deutschland - zum Teil mit bis zu 2000 Teilnehmern. In Konz organisiert das Haus der Jugend im Zweijahresrhythmus zum fünften Mal die Spielstadt Wuselkusen. Er habe die Idee aus Berlin mitgebracht, sagt Dietmar Grundheber, Geschäftsführer des Jugendnetzwerks Konz. Das Ziel solcher Spielprojekte: Kinder lernen ansonsten schwer verständliche soziale Prozesse wie Wahlen und Demokratie verstehen. Auch wirtschaftliche Zusammenhänge - zum Beispiel Angebot und Nachfrage - spielen eine Rolle. Durch den Berufsalltag sammeln die Kinder zudem Erfahrung mit dem Handwerk, mit Musik oder mit dem Zeitungmachen. Die größte deutsche Spielstadt ist Mini-München. Erstmals wurde das Ferienprojekt 1979 veranstaltet. Seitdem öffnet die es alle zwei Jahre in den Sommerferien im Münchner Olympiapark seine Pforten. Mini-München gilt als eines der bekanntesten deutschen kulturpädagogischen Projekte. (Quellen: wikipedia.de, mini-muenchen.info) cmk